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Statement zum Semesterstart

In Anbetracht der Situation in diesem Sommersemester 2020 –
ein paar Anmerkungen, die Lehre und unsere Arbeit im Studio betreffend:

Architektur ist ein kultureller Prozess, der an den technischen Prozess des Bauens geknüpft ist. Im Spannungsfeld zwischen technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen, gesellschaftlicher Setzung und Formen der freien Kunst unterliegt die Architekturlehre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die physische Gestaltungsfindung findet vorwiegend an der Universität selbst statt. Die Entwicklung eines Projektes wird maßgeblich durch das kollektive Miteinander im Studio und dem individuellen Gespräch am Arbeitstisch mit Model und Zeichnung geprägt.

Die in isolierte Entwurfsparameter fragmentierte Herangehensweise wird gewöhnlich intensiv mit den Lehrenden betreut und verhandelt. Insbesondere unsere Konstruktionslehre bezieht wesentliche Impulse aus der Herstellung einer dreidimensionalen Skizze, dem sogenannten Werkstück ein, das nicht nur die persönliche Handschrift speichert, sondern vielmehr die Grenzen und Möglichkeiten des jeweiligen Materials auslotet, um durch eben diese Beschränkung das Konzept einer sinnfälligen Konstruktion zu (er)finden.

In diesem Sommersemester werden die Beschränkungen anderer Art sein. Die Studios sind geschlossen, die Maschinen in den Werkstätten stehen still. Der Entwurfspartner ist vielleicht an einem anderen Ort, da eine Reise erschwert oder sogar verboten ist. Die Kommunikation zwischen Ihnen und unserm Lehrstuhl wird stärker formatiert sein und ein höheres Maß an Disziplin erfordern.

Auf einige der Beschränkungen reagieren wir, im dem wir die Aufgabe, Abgaben und Formate an die aktuellen Realitäten anpassen. In Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wollten wir ursprünglich die Alt Münze in unterschiedlichen Dimensionen ihres komplexen Bestandes betrachten und weiterentwickeln. Ein Transformationsprozess fordert jedoch einen umfangreiche und präzischen Auseinandersetzung mit den existierenden Strukturen Innen wie Außen.

Anderes als vorgesehen ist das Projekt nun ein neuer Ergänzungsbau im Hof, dessen kontextuelle Gegebenheiten in Plänen, Bildern und dem Zugang in individuellen Begehungen vor Ort von Außen nachvollzogen werden können. Zusätzlich wird ein 3D Modell vom zentralen Hofgebäude mit detaillierter Raumstruktur und Fassade, eingebettet in die umgebende, straßenseitige Bebauung zur Verfügung gestellt.

Prinzipiell sollen die Entwürfe, wie auch in den meisten bisherigen Semestern in Zweiergruppen bearbeitet werden. Unter Berücksichtigung der jeweils aktuell geltenden Kontaktbeschränkungen kann diese Arbeit im direkten Austausch oder ersatzweise über digitale Wege stattfinden. Grundsätzlich sehen wir trotz aller Beschränkungen in der Teamarbeit den großen Wert des alltäglichen Diskurses, die Ideen- und Konzeptfindung insbesondere auch zwischen euch aufrechterhalten. Darüber hinaus finden unsere wöchentlichen Studiotage mit den individuellen Besprechungen der Entwürfe wie gewohnt Donnerstags und Freitags statt – allerdings vorerst rein digital über ISIS und angegliederte Videokonferenzen.

Die Herstellung und Methodik des Werkstücks wird Aspekte des found Objects miteinbeziehen. Nicht nur um der Absenz der Werkstätten zu gerecht zu werden, sondern weil für uns darin das assoziative Potential von Umdeuten und Neuinterpretation steckt, das wiederum Kern unseres Projektes ist. Zudem werden wir neben den üblichen Zeichnungen (Grundriss, Ansicht und Schnitt) verstärkt mit zweidimensionalen Medien arbeiten, respektive Skizzen, Collagen und digitalen dreidimensionalen Modellen arbeiten. Im Hinblick auf unseren Dialog in Text und Wort, wünschen wir uns die Reduktion auf wenige Sätze, die in klarer Form eure Ideen artikulieren.

Andere der temporären Einschränkungen sehen wir als Chance, um gemeinsam eine Fokussierung aufs das Wesentliche zu trainieren. Kreativität entwickelt sich in der Überlagerung von Talent, Wissen, Können, dem persönlichen Fetisch, der individuellen Motivation, dem eigensinnigen Charakter und unterstützenden Bedingungen der Umgebung. In einer für uns ungewohnten Umgebung, die unsere Adaptionsfähigkeit fordert und fördert. Wir gehen davon aus, dass Knappheit und Isolation eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung architektonischer und funktionaler Lösung spielen können. Reduzierte Ablenkung und Reizüberflutung, ein entschleunigter Alltag können unkonventionelle Ansätze, neue Methoden und fantastische Überraschungen freisetzen. Wir freuen uns auf den ein oder anderen Geistesblitz von Ihnen, der unter normalen Umständen nicht entstanden wäre.